Gothics

von Kamilla Netolicka

1. Was ist Gothic?

Ein Synonym für Anmut, Schönheit, Grazie, Frieden und Stille, süße Melancholie, düstere Romantik, Ästhetik, Poesie… und das in einer Art und Weise aus längst vergangenen Tagen. Gothic hat nichts mit Satanismus zu tun. Es geht um die Jugendkultur junger Menschen, die einsame, ruhigere, nachdenklichere, ernsthafte, sensible, melancholische, poetische Individualisten sind.

2. Wie ist ihre Kultur?

Sie sind sehr kulturell und gut gebildet. Sie lesen viel, schreiben eigene Gedichte und Prosa, hören Musik und diskutieren mit gleich gesinnten Besuchern. Sie malen oder erstellen selbst ihre Wohnung. Sie unternehmen Ausflüge in Wälder (vor allem im Herbst), alte Kirchen, Burgen, Ruinen und Friedhöfe sind populäre Freizeitinteressen der Gothics. Studien sprechen heute von bis zu 160 000 Anhängern der Gothicszene. Sie symbolisieren, was Neonazis hassen. Sie hassen Gewalt und stattdessen lösen sie ihre Konflikte mit Reden. Die Gothics sind eine Mondkultur inmitten von Sonnenkulturen. Der Mond symbolisiert Sehnsucht und die Zeit seiner Präsenz. Die Nacht bedeutet Stille und Einsamkeit. Sex und Tod, Schwarz und Weiß – diese Widersprüche sind typisch für die Gothic „Schönheit“.

3. Was bedeutet der Tod für Gothics?

Der Tod ist der rote Faden für die gesamte Gothic-Kultur. „Tod und Sterben gehört für mich zum Leben dazu“. Sie wissen, dass sie hier und jetzt leben und ihre Probleme lösen müssen. Sie möchten eine andere Beziehung zum eigenen Tod als andere Menschen, die Angst vor dem Tod haben. Sie akzeptieren den Tod. Die Gothics sind keine „Subkultur des Todes“, die ihre Mitglieder in den Selbstmord treibt.

Der Friedhof: Was bedeutet der Friedhof für Gothics?

Sie gehen auf Friedhöfe, um die Ästhetik zu bewundern, um Ruhe zu finden. Man geht mit ein, zwei Freunden auf den Friedhof, nicht mit einer großen Gruppe, das ist blöd, und setzt sich einfach nur hin und genießt diese Ruhe und die Natur. Das ist einfach schön. Da bist du beim Grunde des Menschen, beim Anfang und beim Ende, das ist friedlich, dein Zuhause. Was ist am Tod so schrecklich? Es gehört doch zum Leben dazu…Manche gehen eigentlich nur alleine auf Friedhöfe.

4. Wie entstand Gothic? (Musik und Literatur)

In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre ist Gothics aufgeblüht, aber die Wurzeln sind in den 70er-Jahren. Ihre Ursprünge haben die Gothics in den Ideen des französischen Philosophen Jean Paul Sartre (1905 – 1980), einem Vertreter des Existentialismus. Er und seine Anhänger zogen sich schwarz an und gründeten den „pazifistischen (gewaltfreien) Widerstand gegen die Gesellschaft“.

Die Musik

Die Erfinder ihres Stils sind Musiker, z.B. Robert Smith aus Sussex/Großbritannien. Er gründete die Band The Cure. Die erste Gothic Hymne war von Robert Smith von The Cure „Bela Lugosi´s Dead“. Sie spielten „Selbsmordrock“. Robert Smith hat immer schwarz gefärbte Kleidung getragen und hochtoupierte Haare. Sein Gesicht war totenblass, die Augen schwarz umrandet, die Lippen knallrot gefärbt. Susan Dallion alias Siouxsie Sioux war als Frontfrau der Band Siouxsie. Sie war eine dämonische Punk-Prinzessin. Ein gutes Symbol für Gothics. Sie sangen morbidere, introvertiertere Lieder. Sie mochten Punk und New Wave. Die okkulten Symbole waren für sie typisch. Weitere bekannte Bands waren: Christian Death, Depeche Mode, Joy Division, Fields of the Nephilim, Sisters of Mercy… Die Musik wie Punk und Black Metal ist ein Heilmittel für die depressive Jugend. Kummer und Trauer kann man mit der Musik überwinden. Für viele ist die Musik die beste Therapie: “…,in dem Moment kommt bei mir dann wieder dieser Schalter. Klick! So scheiße geht´s dir nun auch nicht!“

Die Literatur

Dabei spielte die Literatur eine besondere Rolle. Das war die Möglichkeit des Rückzugs vom Alltagslärm der Gesellschaft. In der Literatur könnten sie auf die grundlegenden Fragen des menschlichen Seins eine Antwort finden. Die zentralen Themen waren der Tod und mögliche Welten und Reinkarnationen, mittelalterliche und Religionsgeschichten, nordische Mythen, Runenkunde und Esoterik, Magie und (Neo)Satanismus. Zum Beispiel Hermann Hesse, Friederich Nietzsche, H. P. Lovercraft mit ihre Horrorgeschichten, auch Nikolai Gogol, Feodor Dostojewskij, Existenzialisten wie Jean-Paul Sartre, Albert Camus, der schwarze Romantiker Novalis. Sie haben düstere Geschichten geschrieben. Auch Charles Baudelaire (Die Blumen des Bösen), Bram Stoker (Drakula), Mary Shelley (Frankenstein), Anne Rice (Interview mit einem Vampir) oder Sheridan le Faunu (Carmilla).

5. Wie sehen Gothics aus?

Die Leute tragen schwarze Hosen und schwarze Hemden oder T-Shirts, Bodys, Kleider, Miniröcke, viel Lack, Latex und Leder, Schnallenschuhe, bestrapste Beine…pupillenfarben. Ihre Provokation hatte keine politische Bedeutung, sonder eine ästhetische. Echter Gothicsstill sind barocke Kleider – die Ladys mit Korsett, tiefem Dekollete und weiten Röcken, die Typen mit Jacken und Stiefeln, die an die Kostüme mittelalterlicher Edelleute erinnern sollen. Die Haare können auftoupiert werden, mit zahlreichen Accessoires aus der Satanismus-Szene (Pentagramme, umgedrehte Kreuze, „666“-Symbole) oder aus der SM-Szene (z.B.Intimpiercings). Accessoires sind sehr wichtig für die Gothics. Sie tragen oft erotische Kleidung und Fetischmode.

6. Wie sind sie in der Schule und bei der Arbeit?

Manchmal treffen sie auf Verständnislosigkeit in der Schule, wo sie allein in der Ecke sitzen mögen und spielen mit anderen Mitschülern kaum. Sie sehen aus wie ein Alien aus einer fremden Welt.

7. Woran glauben Sie?

Sie glauben an Reinkarnation. Sie denken, dass unsere sterblichen Körper in der Erde zerfallen, sich mit der Natur vereinen und neues Leben hervorbringen. Sie sind fasziniert von allem Extremen und vor allem von psychischen Situationen. Sie respektieren andere Glaubensbekenntnisse der Menschen. Unter anderem sind sie beschäftigt mit alten heidnischen Kulturen und dem Spätmittelalter wie Inquisition, Hexenprozesse, usw. Sie haben eine kritische Distanz zum institutionalisierten Christentum. Diese Handlung führt sie manchmal in eine Annahme satanischer Doktrinen, aber christliche Dogmen sind immer da. Trotzdem sind sie nicht Satanisten. Sie brauchen keine Rituale zu praktizieren (Tieropferung), sondern Meditationsübungen, auf dem Boden sitzen, Augen schließen, tief einatmen, in sich blicken…

8. Wo treffen sich Gothics?

In den meisten Clubs geht bei den großen Goth-Rock-Hymnen ganz schön die Post ab. Während Alkohol dabei in Strömen fließt, sind Drogen weitgehend tabu. Sie treffen sich in ihren Szene-Clubs, bei speziellen Festen oder bei einem Konzert. Man kann Gothics bei Techno-Raves, HipHop-Jams und anderen lautstarken Ereignis kaum treffen. Auch Sport ist kein beliebtes Ereignis.

Leipzig

Sie treffen sich einmal pro Jahr in Leipzig. Das Wave-Gothik-Treffen hat rund 2 000 Teilnehmern. Die meisten Händler haben Kleidung und Modeaccessoires im Programm, andere bieten Musik, Bücher und andere esoterische Kultsachen (Runen, astrologische Kalender, heilige Steine). Hier gibt es Ketten und Ringe, Kreuze, Piercing und anderen christlichen, heidnischen oder satanistischen Schmuck. Düstere Ornamente sind sehr populär. Es gibt dort viele Kerzenlichter auf Schädeln. Im Internet kann man viele Adressen für „schwarze“ Partys finden, aber auch Webseiten für Mode, Musik und andere Accessoires.

6 Reaktionen zu “Gothics”

  1. Lady Gothicana

    Da ich selbst ein Goth bin kann ich sagen Ihr habt das ganze schon recht gut getroffen. Gothics sind nun mal Individualisten. Dunkle Grüße

  2. Lea

    Endlich hat es mal jemand auf den Punkt gebracht. Andere Leute reden mich immer mit Satanist oder Vampirist an, dabei bin ich doch Goth. Danke.
    Sehr schwarzer, düsterer Gruß!

  3. noc

    Der Interpret von Bela Lugosi’s Dead ist Bauhaus, nicht The Cure.

  4. Frank Berend

    Hi, netter Post aber wie adde ich den denn zu meinen RSS Feeds? Bin ich zu bloed?

  5. datsrouya

    Hallo,
    in unserer Navi links unten gibt es den Punkt RSS Feeds. Dort einfach auf „Einträge“ klicken und auf der nächsten Seite kannst du den Feed abonnieren.
    http://www.iik-duesseldorf.de/blog/feed/

    grüße!

  6. Angie

    Also… bei den meisten Sachen stimme ich zu – aber WIR haben uns damals noch Grufties genannt, nicht Goth 🙂
    Das war in den 80ern – und ich trage übrigens immer noch NUR schwarz. In allem anderen käme ich mir verkleidet vor.
    Damals habe ich mir noch Schalli´s (Schnallenschuhe) direkt in London kaufen müssen, weil man sie hier nirgendwo bekam. Irgendwann gabs dann nen Laden auf der Reeperbahn in HH – Lucky Lucy – hieß der glaub ich. Da bekam man dann schon mal schwarzes Equipment..
    War ne geile Zeit damals – The Cure (Herr Schmidt, wie ich immer so schön sage) war mein stylisches Vorbild – die Haare schön mit Zuckerwasser aufgetürmt, weil das normale Haarspray nicht genug hielt…. Vorher natürlich kräftig toupiert. Gerne auch die Seiten des Kopfes abrasiert… Sah absolut gut aus!
    Ich sag immer: Ich trage nur so lange schwarz, bis eine dunklere Farbe erfunden wird.
    In diesem Sinne,
    gruftige Grüße
    Angie